Wie viel Arbeit und Training (sowie Geduld und gute Nerven) es benötigt, ein Trainingsprogramm durchzuziehen, so dass effektive Fortschritte, die dem Kind und der Familie das Leben erleichtern, beschreibt Frau Dr. Meinhardt in ihrem folgenden Bericht über die Förderung und Entwicklung ihres Sohnes Tobias, einem Jungen mit Asperger-Autismus.
Tobias hatte als Zwillingsfrühchen mit einem Geburtsgewicht von 1380 g in der 29. SSW schon keine guten Startbedingungen.
So begannen die ersten Schwierigkeiten auf der Kinderintensivstation mit Atemnotsyndrom, Darminfektionen und Bluttransfusionen.
Zunächst schien uns die frühkindliche Entwicklung unauffällig. Er lernte das Greifen, Robben (homolateral), Krabbeln und das freie Laufen dann mit 16 Monaten.
Auch die Sprachentwicklung war nicht besonders auffällig. Lediglich fiel ihm der Kontakt zu anderen Kindern auffallend schwer. Schon in der Krabbelgruppe wirkte T. ängstlich und reagierte in Unsicherheit zunächst aggressiv. Wir schoben dies der ohnehin nicht einfachen Zwillingsbeziehung zu. Mit ca. 1 Jahr fing eine Periode immer wiederkehrender Mittelohrentzündungen an, in der sich seine Entwicklung deutliche verlangsamte. Erst mit ca. 21 Monaten ließen wir dann eine Paukendrainage legen, die direkt Erleichterung brachte. Von nun an ging es zunächst aufwärts. Weiterhin schwierig blieb die soziale Entwicklung, auch ließ sich Tobias nicht gerne festhalten, noch entwickelte er eine Bindung. Auch gefremdelt hatte er als Baby nicht. Kuscheltiere bedeuteten ihm nichts. Mit seinem Zwillingsbruder verstand er sich nicht besonders gut.
Eine Vorstellung in der Sozialpädiatrie brachte uns einen neuen Erziehungsratgeber ins Haus und den Rat abzuwarten. Er verkrampfte häufig mit geballten Fäusten und gekrallten Zehen. Gleichzeitig schaukelte er sich in schwierigen Situationen im Vierfüßlerstand hin und her. Am Tisch blieb er entweder nicht sitzen oder war plötzlich völlig geistig abwesend. Wir förderten T. individuell mit Musik und Bewegung, Kinderturnen, psychomotorischem Förderturnen, begannen eine sozialpädagogische Familienhilfemaßnahme mit Versuch einer Integration in eine Kindergruppe. Im Kindergarten zog sich Tobias in dieser Zeit extrem zurück und verbrachte die Tage in einer Hängematte oder hüpfte rhythmisch auf und nieder.
Malen und Basteln interessierten ihn nicht. Seine Bilder waren Farbkompositionen, die entweder mit Schwarz übermalt wurden oder unvollendet blieben. Projekte, Themenarbeit blieben für ihn unerschließbar. Im Einzelkontakt war er inzwischen besser führbar, im Gruppenkontakt blieben seine Reaktionen schwierig, was nicht gerade Freunde brachte. Vor Einschulung wurde er nochmals in der Sozialpädiatrie vorgestellt, diesmal erbrachte die Diagnose keine Erziehungsschwierigkeiten sondern ein schweres ADS mit deutlicher Entwicklungsverzögerung. Eine Intelligenztestung zeigte einen grenzwertigen Befund, der Test musste wegen zu großer Belastung abgebrochen werden. Auf eine Einschulung sollte verzichtet werden. T. wollte unbedingt in die Schule. Er sah darin wohl die Chance dem undurchsichtigen Kindergarten mit offenem Gruppensystem zu entkommen.
Unter der Situation kleiner Klassen und guter Startbedingungen durch eine einfühlsame Lehrerin wagten wir die Einschulung.
Das Blatt wendete sich, als ich das Buch von Frau Dr. Kannegießer-Leitner in die Hände bekam. Rasch nahmen wir Kontakt auf und knieten uns in die Materie, Tobias mit dieser Methode zu fördern. Die Auswirkungen waren deutlich sichtbar. Tobias entwickelte sich zu einem gut führbaren friedlichen Kind, was endlich eine innere Bindung an uns fand. Die innere Strukturierung zeigte sich rasch. So erfolgte unter der PMG die Kreuzmusteranbahnung innerhalb von 6 Wochen. Die zentrale Hörwahrnehmung trainierten wir mit dem Brain-Boy-Universal ca. 3 Monate bis zur Normwerterreichung. Diese Low-Level-Funktionen blieben auch nach Absetzen des Trainings konstant im Normbereich. Im zweiten Schuljahr untersuchten wir im Rahmen der Kooperation mit dem Blicklabor Freiburg die Blicksteuerung und Simultanerfassung. Hier war lediglich die Simultanerfassung zu trainieren, doch bei der Blicksteuerung trat ein für das Freiburger Labor ungewöhnlicher Zustand auf. Tobias war nicht mehr ansprechbar und musste regelrecht erweckt werden.
Es erfolgte darauf nochmals in der Kinder- und Jugendmedizin ein Vorstellungstermin mit der endgültigen Diagnosestellung einer Autismus-Spektrum-Störung. Unter der Frage, ob wir nun zu spät mit dieser Diagnose dran seien, meinte der behandelnde Arzt, T. sei extrem gut gefördert, man hätte diese Störung kaum anders behandeln können.
Inzwischen macht Tobias auch sozial deutliche Fortschritte, profitiert auch von einer leichten medikamentösen Behandlung und wird intermittierend weiter nach der PMG gefördert. Er ist nun in der 4. Grundschulklasse, hat einen erneuten Intelligenztest mit deutlicher Verbesserung abgeleistet und gilt als normal begabt. Durch die Diagnose der ASS (Autismus-Spektrum-Störung) wurde auf eine Bewertung im Notensystem verzichtet, er wird gelegentlich mündlich geprüft und die Hausaufgaben dürfen von uns an seine Fähigkeiten angepasst werden. Zurzeit absolviert er noch eine Matheförderung und soll demnächst mit dem Lateraltraining (Einsatz des Lateraltrainers als Hör- und Lesetraining) beginnen. Seine Sprachverarbeitung ist durch den Autismus geprägt und stellenweise, vor allem bei abstrakten Begriffen, für ihn schwer umsetzbar. Dies erfordert eine intensive Begleitung des Lernprozesses unsererseits und auch von Seiten des Lehrers. Ich bin stolz darauf, wie gut sich unser Sohn entwickelt hat, auch im Hinblick auf Freundschaften.
Verdanken dürfen wir dies nicht zuletzt der Förderung durch die PMG.
Wir sind froh auch in der bisherigen Schullaufbahn auf viele verantwortungsbewusste Pädagogen getroffen zu sein, die unseren Sohn mit fördern und aufgeschlossen für unsere Probleme sind, ja uns entsprechend begleiten.
Vielen Dank auch Frau Dr. Kannegießer-Leitner für ihren unermüdlichen Einsatz bei den „Grenzkindern“ unserer Schulklassen.
Dr. Barbara Meinhardt